An das Pflaster in der Altstadt von Wurzen mag der dichtende Humorist Joachim Ringelnatz nicht gedacht haben, als er seine Verse vom Pflasterstein, der sich das Betreten verbat, zu Papier brachte. Denn der 1883 geborene Schöpfer des Kuttel Daddeldu verbrachte gerade mal seine ersten drei Lebensjahre in seiner sächsischen Geburtstadt. „Ringelnatzstadt“ nennen sich die Wurzener dennoch und zur Erinnerung an den berühmten Sohn der Stadt haben sie auf dem Marktplatz einen Brunnen errichtet. Auch sein nahe gelegenes Geburtshaus halten sie hier in Ehren – zwischen beiden Erinnerungsorten schlängeln sich die Gassen durch die mittelalterlichen Winkel in einer der ältesten Städte Sachsens. „Wurzen hatte das große Glück, von den Zerstörungen im Laufe der Geschichte verschont geblieben zu sein“, erzählt der parteilose Oberbürgermeister Jörg Röglin. „Die letzten Verwüstungen gab es im Dreißigjährigen Krieg.“
Schon zu DDR-Zeiten war Wurzen wegen der hier produzierten Erdnussflips und Kekse buchstäblich in aller Munde – die Nahrungsmittelindustrie blieb der Stadt auch nach der Einheit erhalten. „ Wurzen hat nach wie vor ein starkes gewerbliches Rückgrat“, will Röglin über die wirtschaftliche Lage nicht klagen. Trotzdem ist auch die zwischen den sächsischen Metropolen Dresden und Leipzig gelegene Kleinstadt mit ihren rund 17.000 Einwohnern vom allgemeinen Bevölkerungsschwund geplagt. Auch diesen Umstand hat Röglin im Auge, wenn er davon spricht, mit der geplanten energetischen Altstadtsanierung „ mehr Menschen in die Stadt locken zu wollen“.
Wer auf dem Marktplatz von Wurzen seinen Blick schweifen lässt, dem fallen viele liebevoll restaurierte Gebäude ins Auge – ein buntes Vielerlei der Epochen von Fachwerkhäusern über Gründerzeitbauten bis zu architektonischen Einsprengseln der Gegenwart. Über allem ruht seit Jahrhunderten der St. Marien-Dom. Wenn Wurzens Oberbürgermeister dieser Tage also für das geplante Altstadt-Sanierungskonzept die Werbetrommel rührt, mag dies auf den ersten Blick erstaunen. Doch es geht dem Stadtoberhaupt nicht um eine mittelalterliche Kulisse mit bunt gestrichenen Fassaden, sondern „um die inneren Werte“ wie er es nennt, und um die Zukunftsfähigkeit der Stadt.
»Es stellt sich die Frage, wie wir modernes Leben in alte Häuser bringen«. Und unter dem Stichwort „modernes Leben“ summiert OB Röglin all jene Herausforderungen, die gegenwärtig viele Stadtväter in allen Regionen Deutschlands bewegen: Eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur, die auch neue Formen der Mobilität wie etwa Elektromobile berücksichtigt, zeitgemäße und altersgerechte Wohnformen und an allererster Stelle eine sichere und bezahlbare Energieversorgung, die alle Möglichkeiten des Energiemixes und der Energieeinsparung einschließt.
Für alle diese Fragen soll nun für Wurzens Altstadt ein integriertes Quartierskonzept erstellt werden. Solche Konzepte fördert die KfW Bankengruppe seit Ende 2011, indem sie die Konzeptkosten ebenso bezuschusst wie die Arbeit eines Sanierungsmanagers, der die Planung und Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen begleitet und koordiniert. Die Höhe des Zuschusses beträgt 65 Prozent der förderfähigen Kosten der Konzepterstellung bzw. der Arbeit des Sanierungsmanagers. „Das Förderprogramm macht deutlich, dass das Energiethema auch für die Kommunen zu den großen Weichenstellungen für die Zukunft gehört“, sieht Wurzens Oberbürgermeister in der Fördermaßnahme auch ein politisches Signal.
Das Projekt energetische Altstadtsanierung wollen die Wurzener Stadtoberen auf ein möglichst breites Fundament stellen. „Wir haben gute Erfahrungen mit Netzwerken in der Stadt“, erzählt Röglin. Zur Belebung der City etwa haben sich schon vor Jahren die Händler im Stadtzentrum zusammengefunden und gemeinsame Events wie das Wurzener Nachtshopping ins Leben gerufen. In ähnlicher Weise will Röglin nun die zahlreichen Wohn- und Gewerbeeigentümer in der Altstadt hinter dem Vorhaben vereinen. Sein Ziel: Dass auf diese Weise etwa benachbarte Immobilieneigentümer gemeinsame, übergreifende Sanierungslösungen entwickeln. Im Rahmen von Bürgerversammlungen soll allen Wurzenern die Möglichkeit gegeben werden, ihre Vorstellungen einzubringen. Ein Beirat, in dem u.a. Architekten und der Kulturbetrieb der Stadt integriert sind, wird das Projekt begleiten, das nach Röglins Ansicht Pilotcharakter hat und im Idealfall auch auf andere Städte Sachsens ausstrahlen soll. Auch wenn innerhalb der Stadtverwaltung bereits erste konzeptionelle Ideen gereift sind, ist das Ergebnis des Sanierungskonzepts deshalb noch völlig offen. „Sicher ist nur eins“, lächelt Röglin mit Blick auf das Sanierungsvorhaben, „unser Dom und unser Schloss werden bleiben, wie sie sind.“






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